Welches Kontenmodell ist das Richtige? (1|6)
Startschuss der 6-teiligen Reihe über Kontenmodelle | Heute im Überblick: Die vier Grundmodelle, wichtige Abwägungen und der Weg zum perfekten Match für Euch | Das Kontenmodell-ABC: Teil 1
Es ist einer der häufigsten Anlässe, warum ein Paar initial auf mich zukommt:
Wie sollen wir unsere Konten und Kosten am besten organisieren?
So sehr ich gerne die eine, eindeutige und klare Antwort geben würde, so sehr muss ich jedes Mal aufs Neue enttäuschen, wenn ich, ganz in typischer Juristinnenmanier, sage: „Es kommt drauf an.”
Denn das tut es! Und zwar auf:
Eure Beziehungsphase, Wohn- und Familiensituation
Eure Persönlichkeiten, insbesondere euer Sicherheits- und Autonomiebedürfnis, aber auch euer Ausgabeverhalten
Euer Einkommensgefälle und die Einkommensstabilität
Eure Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit
Eure Kommunikationspräferenzen
Aber eins nach dem anderen.
In der heutigen und den kommenden fünf Ausgaben von UnFairTeilt möchte ich Euch einen umfassenden Einblick über das Thema Kontenmodelle, die Gestaltungsmöglichkeiten und wichtigen Abwägungen geben. Heute starten wir mit einem Überblick, in den nächsten Wochen folgen dann Schritt für Schritt die Detail-Profile bzw. “Deep Dives” in die einzelnen Modelle.
Also, legen wir los und machen zuallererst mal einen Schritt zurück: Worum geht es bei Konten- und Kostenmodellen überhaupt?
Was Kontenmodelle tun
Das Kontenmodell ist zunächst das Konstrukt, mit dem ihr als Paar Einkünfte und Ausgaben organisiert. Wohin werden eure Gehälter ausgezahlt, von wo die Miete und der Rundfunkbeitrag eingezogen, Lebensmitteleinkäufe und Haftpflichtversicherung bezahlt?
Außerdem ist es der Rahmen, mit dem ihr die Verteilung von Einkommen und Kosten steuern könnt, und damit auch: Macht und (Un-)Abhängigkeit, Autonomie und Verantwortungsübernahme, Fürsorge und Freiheit.
Wie bei allen Geldthemen geht es also auch beim Konten- und Kostenteilungsmodell um viel mehr als um Geld. Und das erklärt, warum sich viele Paare nicht so leicht mit der Frage tun, welches Modell nun wirklich der beste Match ist und warum dasselbe Modell für das eine Paar ein „No-Brainer” ist und sich für das andere wie ein Korsett anfühlt.
Lasst uns deshalb heute und in den kommenden Wochen genauer anschauen:
Welche Modelle es gibt
Welche Vor- und Nachteile sie haben
Für welche Konstellationen sich bestimmte Modelle mehr oder weniger eignen
Worüber ihr nachdenken und sprechen müsst, um zu einem für euch passenden Modell zu kommen
Im Folgenden gebe ich euch zunächst einen Überblick über die vier grundsätzlichen Kontenmodelle, die verschiedenen Verteilungsmechanismen, die sie haben, und die Kriterien, die sie passender oder unpassender für ein bestimmtes Paar machen.
Dasselbe Modell kann sich für das eine Paar wie ein “No Brainer” anfühlen, für das andere wie ein einengendes Korsett.
In den kommenden Wochen gehe ich in jeder Ausgabe auf ein bestimmtes Modell nochmal näher ein und veranschauliche es anhand von konkreten Beispielen und Paarkonstellationen. Wenn euch diese Vertiefungen bzw. Steckbriefe auch interessieren, abonniert den UnFairTeilt-Substack am besten gleich, dann landet die nächste Ausgabe direkt in Eurer inbox.
Die vier Basis-Kontenmodelle im Überblick
Es gibt vier grundsätzliche Möglichkeiten, Konten in einer Partnerschaft zu organisieren:
Das 1-Konten-Modell – oder: konsequentes „Alles gemeinsam”
Der Romantiker. Alles Einkommen fließt in einen gemeinsamen Topf, alle Kosten gehen von diesem Topf wieder ab, egal welche es sind und wem sie zugutekommen. Zum Modell-Portait.
Das 1+1-Modell – oder: klare Linien und maximale Autonomie
Die Individualistin. Hier bleibt alles getrennt, meins und deins, kein unsers. Kosten werden in der Regel nach Kategorie („du Miete, ich Nebenkosten und Wocheneinkäufe” etc.) oder 50:50 geteilt. Zum Modell-Portrait.
Das 1+2-Modell – oder: gemeinsames Wirtschaften mit individuellem Spielraum
Der ausgleichend Solidarische. Hier gibt es ein gemeinsames Konto, auf das alles Einkommen fließt und über das alle gemeinschaftlichen Kosten abgewickelt werden. Vom gemeinsamen Konto wird monatlich ein Betrag auf zwei Einzelkonten überwiesen, über den beide Partner:innen autonom verfügen können – in der Regel für individuelle Ausgaben wie Kleidung, Freizeit und Hobbies. Zum Modell-Portrait.
Das 2+1-Modell – oder: Faire Kostenteilung bei größtmöglicher Autonomie
Der Pragmat für alle Lebenslagen. Bei diesem Modell behalten beide Partner je ein individuelles Konto und überweisen davon in der Regel monatlich einen festgelegten Betrag auf ein Gemeinschaftskonto. Von diesem werden gemeinsame Kosten abgewickelt. Die Höhe der Beträge kann nach verschiedenen Fairness-Philosophien festgelegt werden: einfach 50:50 der Kosten, proportional zum Einkommensverhältnis oder maximal Einkommensunterschiede kompensierend. Zum Modell-Portrait.
Welches Modell ist „besser” oder „schlechter”?
Das lässt sich pauschal nicht sagen, weil es von der konkreten Paarkonstellation abhängt. Schon die verschiedenen bisherigen #FairTeilt-Fallstudien zeigen, wie unterschiedlich „die beste Option” für verschiedene Paare sein kann:
Für Ida und Marek funktioniert das 1+1-Modell seit 20 Jahren.
Für Lina und Pablo klang das Ein-Konten-Modell zunächst perfekt und brachte sie dann aber an ihre Grenzen. Für Carl und Helen ist es immer noch der mittelfristige Wunsch, wäre aber aktuell noch nicht denkbar, solange Carls Einkommen so stark schwankt.
Michaela und Alex kommen mit dem 2+1-Modell gut klar und haben hier mit verschiedenen Kostenanteilen experimentiert.
Soll heißen: Kein Modell ist grundsätzlich falsch! Alle können funktionieren.
Aber wie findet ihr Orientierung?
Acht Faktoren, die den Unterschied machen
Die folgenden acht Faktoren beeinflussen erfahrungsgemäß, welches Modell passt und welches nicht:
Einkommensgefälle: Sind die regelmäßigen Einkommen ähnlich oder sehr unterschiedlich?
Einkommensstabilität: Wie verlässlich, planbar oder schwankend sind die Einkommen?
Arbeitsteilung: Wie gleich oder ungleich sind Erwerbsarbeit und unbezahlte, aber zeitaufwändige Care-Arbeit in der Beziehung verteilt?
Sicherheits- und Kontrollbedürfnis: Wie stark sind Sicherheits- und Kontrollbedürfnis bei beiden ausgeprägt? Wie ähnlich oder wie unterschiedlich ticken beide?
Autonomiebedürfnis: Wie wichtig sind beiden finanzielle Autonomie und Unabhängigkeit und der Wunsch nach Geld, über das keine Rechenschaft abgelegt werden muss?
Ausgabeverhalten und -präferenzen: Wie ähnlich oder unterschiedlich geht ihr mit Geldausgaben um? Wie sparsam oder spendierfreudig, wie kontrolliert oder genießend seid ihr?
Diskussions- und Gesprächspräferenzen: Wie leicht fällt es dem Paar, sich regelmäßig mit Geldthemen zu befassen? Geht es ihnen einfach von der Hand – oder ist es sinnvoll, durch das Konten-Konstrukt den laufenden Abstimmungs- und Diskussionsbedarf zu reduzieren?
Lebensphase: Wo steht das Paar, welche gemeinsamen Ausgaben hat es, inwiefern wird füreinander und/oder für Kinder Verantwortung übernommen? Welche anderen Verpflichtungen bringen beide mit in die Beziehung (z.B. Patchwork, pflegebedürftige Eltern, sonstige Unterhaltspflichten)?
Rote Linien
Außerdem gibt es ein paar wenige rote Linien bzw. No Gos, d.h. Modelle, die in bestimmten Konstellationen und unter bestimmten Voraussetzungen lieber nicht erwogen werden sollten. Dazu gehört z.B.:
Das Ein-Konten-Modell bei unverheirateten Paaren
Das 1+1-Modell in einer Beziehung, wo Erwerbs- und Care-Arbeit sehr ungleich verteilt sind
Mehr dazu und darüber in den Vertiefungen der einzelnen Modelle in den kommenden Wochen. Außerdem in einer finalen Ausgabe am 19.7. schließlich: Meine ganz persönliche Empfehlung.
Wichtig auch: Kein Kontenmodell hält notwendigerweise für immer! Es sollte immer mal wieder überprüft und gegebenenfalls angepasst werden.
Als nächstes
In den kommenden Ausgaben werde ich auf jedes Modell einzeln eingehen und dabei herausarbeiten:
Welche Vorteile und Nachteile das Modell mit sich bringt
Welche Voraussetzungen es braucht
Welche Gestaltungsmöglichkeiten es innerhalb der Modelle gibt
Welche typischen Reibungspunkte entstehen
Für welche Paarkonstellation es oft gut funktioniert – und wie es das in der Paarity-Praxis bei konkreten Paaren getan hat
Das klingt interessant? Dann stell sicher, dass du die Deep Dives in den nächsten Wochen nicht verpasst, und abonniere den UnFairTeilt-Substack.
Eine Frage an Euch zum Start
Welches Modell lebt ihr gerade? Habt ihr das bewusst entschieden, oder hast du das Gefühl, dass es eine bessere Option für euch gibt?
Schreibt mir gerne hier auf Substack oder an hi@paarity.net. Ich lese alle eure Nachrichten und freue mich immer unfassbar über eure Fragen und Fallbeispiele.
Hat euch der Post etwas gegeben? Kennt ihr jemanden, der sich für Kontenmodelle und Abwägungen rund um das Thema interessiert? Dann teilt ihn gerne – mit jemandem, mit dem ihr über Geld sprecht. Oder noch nicht gesprochen habt.





